"Platte mit Aussicht-
Über das Neubaugebiet Dresden-Gorbitz"


Wenn heute vom Plattenbau, vom "Neubaugebiet" die Rede ist, sieht man sich sofort mit einer Unmenge von Klischees konfrontiert. Denen man zustimmen kann. Die man ablehnen kann. Aber jedem - Bewohner eines Neubaugebiets oder nicht - sind sie bewußt. Vor ihnen muß man sich positionieren, an ihnen sich messen lassen.

Wir - die Autoren - sind im Neubaugebiet Dresden-Gorbitz aufgewachsen. Wir sind die Kinder der hoffnungsfrohen Erstbezieher, waren von frühester Kindheit bis zur späten Jugend hier. Die Bilder unserer Kindheit, Prägungen, biographische Wegmarken und Initiationen, die "Hintergrundbemalung unserer Erinnerungen" sind gebunden an diesen Ort. Das macht ihn für uns bedeutsam - wie für jeden anderen der Ort seiner Kindheit bedeutsam ist.

Nun ist die Sache in Gorbitz die: entstanden auf dem Reißbrett, gebunden an ein Gesellschaftssystem, vollendet bei dessen Zusammenbruch. Das hat der Stadtteil mit zahlreichen Neubaugebieten in Ostdeutschland gemein. Und das hat Folgen. Daß "Stadt" Mechanismen und Gesetzen folgt, von Nichtmateriellem abhängt, nicht einfach nur da ist, scheint an Neubaugebieten wie Gorbitz gleichsam in einer Laborsituation beobachtbar.
Ein Film schien uns das geeignete Mittel, dies alles darzustellen. Am Anfang stand ein monumentaler Anspruch: Kindheit, Bau- und Stadtteilgeschichte, Mentalitätsgeschichte, Zustand, Ausblick, noch den Wandel bebildern... Inzwischen ist klar, daß das ein anderthalbstündiger Film nicht leisten kann. Vom Denkmalhaften, Manifesten mußten wir uns verabschieden: Die Geschichte eines Stadtteils ist immer Prozeß, bleibt diffus, läßt sich nicht auf bloße kausale Zusammenhänge reduzieren.

Der Film verbindet zwei Hauptstränge: den Versuch, das Aufwachsen in einem Neubaugebiet zu schildern - höchst subjektiv, doch nicht immer spezifisch unterschieden vom Aufwachsen anderswo. Zum zweiten den Versuch, geschichtliche und soziologische Zusammenhänge darzustellen, Stadtgeschichte zu dokumentieren, im Zweifelsfalle für's Regal, für Spätere. Dabei sollten Aspekte nicht vergessen werden, die sonst unter der Oberfläche bleiben, oft von Chronisten vergessen: daß es Subkulturen gab, Befindlichkeiten, Szenen, von denen mancher nichts mitbekam. Die auch reflektiert worden sind, und vor allem: die ein Teil der Geschichte sind.
Wir servieren keine simple, vorgefertigte "Botschaft". Weder das Klischee zu durchbrechen ist uns möglich, noch können wir verhindern, daß sich einige dieser Klischees durch die Stimmen unserer Interviewpartner vielleicht reproduzieren.

Also was wollten wir? Die Antwort ist nicht viel mehr als eine Methode: Wir hatten mehr als 40 Interviewpartner, insgesamt etwa 60 Stunden Filmmaterial und unsere Kindheitserinnerungen. Die Interviewten - nur eine Auswahl können wir im Film zu Wort kommen lassen - stammen aus sämtlichen Bereichen: angefangen bei den Planern und Architekten, über Pfarrer, Lehrer, Jugendhaus- und Clubleiter, Kneipenbetreiber, Hausmeister, Wohnungsverwalter, zu jetzigen und ehemaligen Bewohnern aus unterschiedlichen Generationen zu unterschiedlichen Zeiten, freilich mit einem Schwerpunkt auf diejenigen, die - wie wir - als Kinder nach Gorbitz kamen und es als Erwachsene verließen. Wir wollten hören, was sie alle sagen, und wir wußten vorher nicht, was das sein wird. Ihre Stimmen sind ebenso vielfältig wie die Reaktionen auf das Ergebnis. Aus dem Gesagten, oft Widersprüchlichen - auch bei den einzelnen Gesprächspartnern selbst - hatten wir auszuwählen. Wie objektiv wir auch sein wollten, wir waren immer auf uns, unsere eigenen Erfahrungen, Meinungen, Hintergrundwissen zurückgeworfen. Zu jeder Stimme gab es eine Gegenstimme, denen wir - so gut wir das einzuschätzen vermochten - angemessen und fair Raum geben wollten.

Der Film war/ist in erster Linie ein Lernprozeß. Einmal in Bezug auf die Stadtgeschichte selbst: Neubaugebiete wie Gorbitz sind nicht planlos auf die Wiese geklotzt worden, sondern folgen durchdachten Konzepten, dahinter standen kluge Köpfe, neben quantitativen auch qualitative Ansprüche. Zum anderen hat es unseren Blick dafür geschärft, daß es keine ultimativen "Wahrheiten" gibt. Vielleicht sind es zuviele Geschichten, vielleicht noch zu wenig, um der Komplexität des Themas gerecht zu werden. Vielleicht sind dem einen oder anderen die Schwerpunkte zu verzerrt, andere Aspekte zu unterbelichtet: wir selbst mußten uns von unserem Anspruch verabschieden, ein allgemeingültiges "Monument" zu errichten, das man im Schulunterricht zeigen kann, und dann wäre alles gesagt. Auch wir stecken fest in unserer Zeit, der Versuch der Rekonstruktion bleibt notwendig subjektives Konstrukt. Und so sind die Brüche im Film vielleicht mehr als alles andere Zeichen der Brüche in Gorbitz' Geschichte.

Dieser Film ist eine Forschungsreise nach Gorbitz wie zu uns selbst. Wir haben versucht, eine Landkarte zu erstellen. Nun müssen wir sehen, ob man sich mit und in ihr zurechtfinden kann oder will, oder ob es noch anderer, vielleicht genauerer bedarf.
 
 
(c) 2006 Uta Hergert, Marcel Raabe