3. Abschnitt "Ameisen"


1989 / 90 kommt der Bruch. Der obere Bauabschnitt wird gerade erst vollendet. Die Setzungen einer sozialistischen, anti-individualistischen Kollektivgesellschaft verlieren ihre Gültigkeit. Individuelle materielle und auf Selbstverwirklichung zielende Bedürfnisse werden freigesetzt und zunächst erfüllbar. Während viele Eltern sich plötzlich in einem völlig neuen Identitätsgerüst neu verorten müssen, entdecken die Kinder die neuen Möglichkeiten auf ihre Weise, wobei sich nicht feststellen lässt, ob die Möglichkeiten aus der bloßen Tatsache des Heranwachsens oder aus der "neuen Gesellschaft" entspringen.
Für sie werden die Veränderungen in der Schule spürbar: keine Appelle mehr, kein Pioniergruß mehr, keine Pioniernachmittage mehr, kein Halstuch mehr, keine Serosammlungen mehr, kein Samstagsunterricht mehr, keine Gruppenratswahlen mehr. Einzelne Mitschüler fehlen und kehren nicht zurück. Ebenso einzelne Lehrer.

Die einheitlichen Auto-Parkreihen auf der Straße vor dem Haus werden vielfältiger und offenbaren - für jeden vom Balkon aus sichtbar - soziale Hierarchien, die zuvor verdeckt oder in dem Maße nicht existent waren: neben den weniger werdenden Trabis parken mehr und mehr neue Autos, deren "Klassen" jeder Familie Auskunft geben, an welchem Punkt der neuen sozialen Schichtung sie sich befindet. Indessen entsteht Jugendkriminalität und Rechtsradikalismus. Eine Gemeinde wird gegründet.
Mit den Identitätskrisen seiner Einwohner gerät der Stadtteil selbst in eine Identitätskrise, weil er mit dem Wegfall eines kollektivierenden Gesellschaftssystems in der Form seine Daseinsberechtigung verloren zu haben scheint und den neuen Bedürfnissen nicht mehr gerecht wird. Gorbitz wird zum Schicksal. Die Eigentümer der höheren Fahrzeugklassen ziehen in Eigenheimsiedlungen am Stadtrand, die Trabibesitzer bleiben unter sich zurück. Aufbau und Abbruch verlaufen jetzt parallel.

 











 
 
(c) 2006 Uta Hergert, Marcel Raabe