4. Abschnitt "Stein und Zeit"


Gegen Ende der 90er Jahre scheint sich die Bevölkerungszahl nach mehrjährigem kontinuierlichen Rückgang stabilisiert zu haben. Verschiedene Kultur- und Sozialprojekte haben überlebt (Passage) oder sich neu etabliert (Nachbarschaftsverein, Laborschule). Das Umfeld ist begrünt, die bauliche Vision der Planer hat sich weitgehend verwirklicht. Verschiedene Vereine und Initiativen bemühen sich um das soziale Leben im Stadtteil. Dem gegenüber steht ein überwältigender Leerstand, dem man mit Umstrukturierung (Kräutersiedlung) und Teilabriss begegnet.

Der euphorische Baubeginn der Kräutersiedlung gleicht den Bildern und Hoffnungsgesten der Grundsteinlegung 1981, aber allen ist klar, dass die Kräutersiedlung ein Ausnahmeprojekt ist, das kein Patentrezept für Neubaugebiete wie Gorbitz darstellt. Die leeren Wohnungen hinterlassen biographische Spuren in Form von Tapeten, Postern, Bohrlöchern in der Wand, Deckenplatten, unvergilbte Stellen auf der Tapete. Auf einem zurückgelassenen Teppich sind noch die Abdrücke eines Ehebettes zu sehen...

Diese Spuren werden durch den Abriss beseitigt. Stein ist manifestierte Geschichte. Der Stein der Moderne ist Beton. Dieses erst flüssige Material, das, wie ein Menschenleben, "im Fluss" ist, verhärtet und verspricht Stabilität und lange Haltbarkeit. Schon nach wenigen Jahren aber wird dieser Beton im oberen Bauabschnitt wieder eingeebnet. Die Kinder vom Beginn der 80er Jahre sind nun in dem Alter, in dem ihre Eltern damals eingezogen sind. Die Eltern indessen haben die Hälfte ihres Lebens überschritten und blicken zurück. Sichtbare Erinnerung geschieht in Form von Photographien, Filmen, Gegenständen, Chroniken. Dieser Film ist eine dieser Formen. Aber für wen und für wie lange hat diese Erinnerung Bedeutung? Was werden den Kindeskindern die vielen Photos vom entstehenden Gorbitz sein außer Flohmarktutensilien? Und warum enden die Chroniken 1990 (Gruppenbücher der Schulklassen, Passagechronik)?

Bei den Menschen in Gorbitz mischt sich Hoffnung und Hoffnungslosigkeit. Das Gymnasium wird geschlossen. Vor den Imbissbuden sitzen die Verlierer des letzten Jahrzehnts, des Wandels. Die Blöcke werden leerer. Die Eisdiele ist abgebrannt. Gleichzeitig ziehen jedoch Studenten zu. Junge Gorbitzer bleiben im Stadtteil und gründen Familien. Alte Gorbitzer, die jetzt Rentner sind, freuen sich über die Möglichkeiten, die ihnen der Stadtteil bietet. Die Junge Gemeinde floriert ebenso wie das Kinder- und Jugendhaus Tanne. Der "Gorbitzer Krug" eröffnet neu und ist beides: Endstation und Startpunkt. Optimismus steht neben Pessimismus. Die Sonne geht gleichzeitig auf und unter. Was bleibt?


   







 
 
(c) 2006 Uta Hergert, Marcel Raabe