"Platte mit Aussicht-
Über das Neubaugebiet Dresden-Gorbitz"


(Dresden 2005 / 2006, ca. 80 min, BetaSP)

Ein Dokumentarfilm über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft eines Neubaugebietes: Interviews mit den Planern, Bewohnern und Verwaltern dieses Stadtteiles, die Dokumentation der Entwicklungsetappen, zahlreiche Archiv-Fotos, Momentaufnahmen vom heutigen Gorbitz, Trickfilmanimationen und literarische Texte sowie eine eigens komponierte Filmmusik sollen ein Stück Geschichte lebendig machen.


Anfang der 80er Jahre entstand in Dresden eines der größten Neubaugebiete der DDR: GORBITZ. Als 1981 die Grundsteinlegung stattfand, waren die Wartelisten für die modernen, neuen Wohnungen bereits lang. Viele Jahre lebte man auf einer riesigen Baustelle. Leben und Bauen fanden zeitgleich statt, und die Bewohner legten selbst Hand an, um ihr Umfeld zu gestalten.
Neben der pragmatischen Perspektive, die die damals jungen Eltern hatten - zu leistende Arbeitsstunden, Einkaufsmöglichkeiten ausfindig machen, sich mit den Hausbewohnern anfreunden - gab es die andere Seite, eine eigene Welt: die der miteingezogenen Kinder, für die die Baustelle Gorbitz vor allem eines war: ein riesiger Spielplatz. In einem Neubaugebiet bildet die Gleichzeitigkeit von Intimität und Anonymität ein ganz eigenes Spannungsfeld. Hinzu kommt eine ganz spezielle Ästhetik: die Muster der Tapeten, die Form der Lichtschalter, die Parallelität von Treppen, Fensterreihen und Straßen, die Kieselsteine der Balkonbrüstungen... Diese Formen sind - ebenso wie die Anordnung der Häuserblöcke - Ausdruck eines besonderen politischen, sozialen und wirtschaftlichen Kontexts. Stadtteile wie Gorbitz konnten so nur innerhalb einer ganz bestimmten Zeit entstehen.

Umso deutlicher wird dieser Zusammenhang zwischen Architektur, Lebensform und Gesellschaft mit dem Bruch, den Neubaugebiete wie Gorbitz seit der Wende erfahren haben. Was vorher als Luxus galt, schien von heute auf morgen verpönt. Der gesellschaftlichen Umwälzung folgte die Umdeutung des eigenen Lebenszusammenhangs.

Nicht nur die Wohnungsbaugenossenschaften kämpfen heute gegen die Eigendynamik dieser Entwicklung. Längst hat sich das typische Plattenbauklischee vom sozialen Brennpunkt etabliert. Dem Klischee entgegen stehen aber nicht nur unsere Kindheitserinnerungen, sondern auch das Wissen um den Zusammenhang aus Entstehung und Fortbestand des Wohngebietes.

Seit Frühjahr letzten Jahres arbeiten wir, Uta Hergert und Marcel Raabe, beide in Gorbitz aufgewachsen, an einem Dokumentarfilm über Gorbitz, der sich mit all diesen Fragen beschäftigt. Einerseits geht es um eine Kindheit in einem Stadtteil, der vielerorts, aber auch manchmal von den Bewohnern selbst, nur "das Ghetto" genannt wird, andererseits aber vor allem auch um die Dokumentation seiner Entstehungsgeschichte, verbunden mit einem nachdenklichen Blick in die Zukunft.

Der Film gliedert sich - ebenso wie das Wohngebiet - in vier Abschnitte. Jeder dieser Abschnitte richtet dabei seinen Fokus auf einen bestimmten Aspekt des Lebens in Gorbitz. Während sich die ersten beiden Abschnitte, "Blocks" und "Mosaike", überwiegend auf die Baugeschichte, die ersten Eindrücke der zuziehenden Kinder in den 80er Jahren und die besondere WBS70-Ästhetik konzentrieren, beschäftigen sich die beiden folgenden Abschnitte, "Ameisen" und "Stein und Zeit", mit den sozialen Entwicklungen nach der "Wende", mit Menschen und "Machern" in und für Gorbitz, architektonischen Neuerungen in Bezug auf "die Platte" und den Zusammenhang von Lebensort und Biographie.


 
 
(c) 2006 Uta Hergert, Marcel Raabe